 | Selbstmord in der Zelle / Mord im Bett |
Chukwuemeka Charles Onyegbule, ein 23-jähriger Nigerianer, starb am 9. August 2004, um 21:30 Uhr in der Zelle 1006 im Brüsseler Gefängnis Forest/Vorst. Die Brüsseler Behörden erklärten noch vor einer Autopsie, noch ehe ein Arzt in der Zelle gewesen war, dass es sich um Selbstmord durch Erhängen handele.
Die Adoptivmutter, die nicht durch behördliche Ermittlungen sondern durch private Initiative gefunden wurde, bezweifelte diese Aussage. Es dauerte Wochen (!), ehe sie sich gegen das Brüsseler Gefängnis Forest/Vorst durchgesetzt hatte und den Leichnam nach Deutschland überführen ließ. Im Bonner Institut für Rechtsmedizin gab sie sofort eine Autopsie in Auftrag. Die Ärzte kamen zu folgendem Ergebnis:
"Makroskopisch keine abgrenzbaren Strang-, Drossel- oder Würgemale der Halshaut, keine erkennbaren Einblutungen in das Halsweichteilgewebe, Kehlkopf- und Zungenbeingerüst intakt. Keine sog. Dehnungsrisse der Gefäßinnenschichten der Halsschlagadern, keine Unterblutungen der Knochenhaut der Schlüsselbeine. - Kein Anhalt für eine unmittelbar vor dem Tode erfolgte und für den Todeseintritt maßgebliche grobe strangfremde äußere Gewalteinwirkung, insbesondere keine erkennbaren sog. Griffspuren an den Oberarmen, keine sog. Abwehrverletzungen an den Streckseiten der Unterarme. Keine Schlag- oder Sturzverletzungen feststellbar. - Keine feststellbare vorbestehende innere Erkrankung von todesursächlicher Bedeutung.“ Zusammengefasst: der junge Mann starb nicht durch Erhängen, allerdings konnte die tatsächliche Todesursache als Folge der langen Liegezeit nicht mehr festgestellt werden und Brüssel bleibt bis heute Antworten schuldig.
Frau Onyele, die Adoptivmutter, hielt in Frankfurt am Main, wo Emeka einige Jahre mit ihr gelebt hatte, einen Trauergottesdienst, während sie noch um die Herausgabe seines Leichnams kämpfte. Im November 2004 konnte sie ihn, nicht zuletzt dank der vielen Spenden und Anteilnahme, auf seine letzte irdische Reise nach Nigeria begleiten. Emeka sollte bei seiner Familie seine letzte Ruhe finden, da ihm die Migration auf den europäischen Kontinent in den gewaltsamen Tod getrieben hatte. Nicht vorstellbar, welches Leid sich in Frau Onyele und der restlichen Familie seither ansammelte und kaum Ausdrucksmöglichkeiten fand. In einem Brief vom Juli 2005 bedankt sie sich für die Unterstützung bei den vielen Spenderinnen und Spendern, die es ihr ermöglichten, einen Teil der hohen Kosten abzufangen und die ohnehin anfallenden Schulden zu mindern.
Frau Onyele beauftragte, angesichts der schreienden Ungerechtigkeit und weil sie den Brüsseler Behörden keinen Glauben schenken konnte, einen Anwalt mit der Aufklärung dieses Falls. Mit Hein Diependaele nahm sie den Kampf gegen den belgischen Staat auf. Dieser war als Rechtsanwalt schon einmal gegen den belgischen Staat erfolgreich gewesen: Im Prozess um den Tod von Semira Adamu wurden im Dezember 03 nach über fünf Jahren die angeklagten Polizeibeamten verurteilt, den Tod der jungen Nigerianerin im September 1998 herbeigeführt zu haben. Auch wenn die Strafen äußerst milde ausfielen (Drei Beamte wurden zu einem Jahr Gefängnis auf Bewährung verurteilt, der Aufsicht führende Polizeioffizier erhielt 14 Monate auf Bewährung, ein nicht unmittelbar beteiligter Polizeioffizier wurde freigesprochen. Ein symbolisches Schmerzensgeld in Höhe von 500 müssen die Angeklagten an die Angehörigen zahlen.) so war es positiv zu bewerten, dass der belgischen Regierung eine Mitschuld am Tod von Semira Adamu zugesprochen wurde. (vgl. pro asyl Infoservice Dez 2003).
Das Drama um Emeka ist noch immer nicht aufgeklärt. RA Diependaele hatte Anfang des Jahres eine erste Klageschrift gegen die zuständige Untersuchungsrichterin und gegen die mit der Verhaftung und Überstellung ins Gefängnis befassten Polizeibeamten erstellt, als im Mai erneut eine Schlagzeile durch die belgischen Medien ging. Der 39-jährige Diependaele wurde in seinem Schlaf von seiner 36-jährigen Frau durch zwei Schüsse umgebracht. Danach beging sie mit der selben Waffe Selbstmord. Als Begründung werden Beziehungsprobleme angenommen. Kaum zu glauben, nachdem er gerade Ende 2004 mit seiner Frau Marijke Moens eine eigene, gemeinsame Kanzlei eröffnet hatte. Seine Mutter überlebte die Todesnachricht nicht, sie starb am 23. Mai - an gesprochenem Herzen. Frau Onyele erhält seither aus der Anwaltskanzlei nur magere Auskünfte. Die Akten ihres Sohnes sind nicht auffindbar.
Sie schreibt in ihrem Brief: „ Noch immer fällt es mir schwer zur Ruhe zu kommen - auch deshalb, weil das Aufklärungsverfahren in Brüssel sich weiter in die Länge zieht. Hinzu kommt die neueste Erkenntnis, dass mein mit dieser Rechtssache befasster Anwalt am 18. Mai dieses Jahres selbst Opfer eines brutalen Mordes wurde!! Er wurde nur 39 Jahre. Noch ein Fragezeichen zum unerwarteten Ableben eines jungen Menschen! Die Kette scheint nicht abreißen zu wollen? - Und der Kampf geht weiter und verlangt Ausdauer, Durchhalten und den Glauben an eine höhere Gerechtigkeit, die sich den Weg bahnen und an die Öffentlichkeit dringen wird.“
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